Es ist Freitag halb 5 nachmittags und ich steige aus dem Auto. Sofort bin ich mir der Ruhe bewusst, die mich umgibt. Niemand zankt sich darum, der erste an der Tür, am Außenlicht, auf der Treppe zu sein. In der Wohnung komme ich mühelos zur Garderobe durch, kann mir einen Cappu machen, ohne das jemand unbedingt sofort einen Keks haben will und lasse mich aufs Sofa fallen, ohne vorher fünf LKWs und 3 Schmetterlinge gemalt zu haben. So fängt ein kindfreies Wochenende an.
Drei Stunden später ist es immer noch ruhig. Ich sitze vorm Rechner, hab mein unvernünftiges Abendessen aus Fertigfraß vor mir stehen und wundersamer Weise alles erledigt, was ich mir für den kompletten Abend vorgenommen hatte. An normalen Tagen bin ich um diese Zeit noch mindestens eine Stunde am Wache schieben vorm Kinderzimmer, immer darauf bedacht, den Junior nicht aus seinem Bett entwischen zu lassen. Doch der ist mit seiner Schwester beim Papa und ich kann 48 Stunden lang tun und lassen was ich will.
Und was will ich? Lesen, ohne so abgelenkt oder ausgelaugt zu sein, dass ich in der dritten Zeile schon vergessen habe, was in der ersten steht. Einen Film schauen, ohne damit rechnen zu müssen, dass ein kleiner schlafloser Geist in der Wohnzimmertür steht. Das Aquarium umgestalten, ohne dass vier kleine Hände mit rummatschen wollen. Spontane Ideen in den Rechner hacken, Texte schreiben, Fotos bearbeiten, Informationen suchen, ohne dass mich jemand am Ärmel zupft, auf meinen Schoß will oder den Weltuntergang herbei heult. Gespräche führen, online und offline, ohne diese wegen kindlichen Übermutes unterbrechen zu müssen. Abends ausgehen, Cocktails schlürfen und im Kino einen Film anschauen, ohne noch vorm Abspann in Gedanken schon wieder zuhause bei den Kindern zu sein. Und letztendlich schlafen, ohne mit einem halben wachen Ohr auf den leisesten Seufzer im Kinderzimmer zu lauschen.
Egoistisch? Ja, ist es. Dafür umso seltener, dass es mir wirklich möglich ist, so zu leben. Als Mama bekomme ich schon ein schlechtes Gewissen, wenn ich beim Shopping nur an mich denke und keine Lust habe, nach neuen Klamotten für die Kids zu schauen. Egal, ob sie nun welche brauchen oder nicht. Wenn ich meine zwei Räuber in die Kita gebracht habe, überlege ich schon was ich nachmittags mit den beiden anstellen werde. Die Zeit dazwischen wird von Haushalt, Arbeitssuche, Verein, Internetprojekten und nötigem Papierkram aufgefressen. Ich bin arbeitslos, ja – aber sicher nicht beschäftigungslos.
Samstag früh, zehn vor Sieben. Ich wache auf und das erste was mir in den Sinn kommt, ist nicht die fürs Ausschlafen-Können unchristliche Uhrzeit, sondern, dass etwas fehlt. Ich liege allein in meinem Bett und kann mich frei bewegen. An jedem anderen Morgen in den letzten Wochen wachte ich eingekeilt zwischen den kuschelig warmen und vom Schlaf schweren Körpern meiner Kinder auf. Beim Blick in ihre total entspannten Gesichter mit den selbstvergessen offen stehenden Mündern geht mir immer und immer wieder das Herz auf. Was stören mich da eingeschlafene Arme, harte Kniescheiben in meinen Nieren und Plüschtierfell in der Nase, wenn ich meine Schätze so nah bei mir haben konnte.
An diesem Morgen jedoch kann ich mich umdrehen, zusammenrollen und weiterschlafen. Ohne dabei einen kleinen Arm zu quetschen, jemandem die Decke zu klauen oder ihn gar aus dem Bett zu schubsen. Trotzdem freue ich mich jetzt schon darauf, übermorgen wieder mit meinen Kindern im Arm aufzuwachen. So sehr ich die Freiheiten meines kinderlosen Wochenendes auch genieße: ich möchte nicht wissen, wie es ist, länger ohne sie zu sein.
Allein die Vorstellung macht mich nervös. Klar, ich bin keine geduldige Mutter und nicht dazu geschaffen, sie ständig 24 Stunden lang um mich zu haben. Ich brauche Zeit für mich und mit anderen Erwachsenen, um nicht auszuflippen oder gaga zu werden. Über meine beruflichen Chancen ohne Kinder denke ich nur noch pragmatisch nach: der Job muss zu den Kids passen und nicht umgekehrt. Natürlich nervt es, wenn ich mir bei jeder Party-Einladung oder Kino-Anfrage, ja selbst beim Elternabend-Termin erst einen Babysitter organisieren muss.
Trotzdem ist es für mich unvorstellbar, sie nur sporadisch oder selbst in regelmäßigen Abständen zu sehen. Im Gegenteil, ich möchte nur sporadisch oder in regelmäßigen Abständen von ihnen getrennt sein. Alles andere würde das Leben grau, jedes Lachen schal und mich krank machen. Wie also, hält man so was aus: die dauerhafte Trennung von seinen eigenen Kindern.
Sonntag, mittags gegen halb 12. Der Blick zur Uhr wird häufiger. In ein paar Stunden erobern meine Kinder ihr Revier und mein Leben zurück. Ich muss schmunzeln bei dem Gedanken an einen zappligen Dreijährigen auf meinem Schoß und an eine um mich herum hüpfende fünfjährigen Prinzessin. Beide aufgeregt durcheinander quatschend und an mir herumzerrend. Zwei, die mir von kleinen Stürzen erzählen, als wären es Naturkatastrophen und von Spielplatzabenteuern, bei denen Indiana Jones die Knie gezittert hätten. Zwei glückliche Kinder, die ein aufregendes und schönes Wochenende hinter sich haben. Und eine erholte Mama, die sich freut, sie wieder zu sehen, durch zu knuddeln und wieder morgens mit ihnen in einem Bett aufzuwachen.










Tja, liebe Tina,
darüber hätte ich auch fast geschrieben, quasi gleich, bist du mir zuvorgekommen!
Ich habe nämlich gerade 3 Stunden kinderfrei. Und auch überlegt, was ich mit der kostbaren Zeit anstelle. Heute war es ein Vollbad mit Kerze und viel Ruhe. Und jetzt gucke ich ferne Länder, gerade auf 3sat. Ohne dass jemand…. aber das hast du ja schon alles beschrieben.
Gruss, von der gerade sehr erholten Christine
Oh sorry, ähm, schreib trotzdem drüber!
Wir könnens ja wieder verlinken.
Vielleicht wirds ja ein Domino-Day des Kindfreie-Zeit-Bloggens!
LG Tina
Als heute eine Mama ihr Kind hier abholte,sagte sie (sie ist frisch getrennt) :weisst du was das gute an ner Trennung ist ? Man hat jedes 2.WE kinderfrei. Und dann erzählte sie,was sie dann alles macht.
Ach das klingt doch richtig gut.,was du geschrieben hast.:)
Wenn es denn so ist, dass der Papa die Kids auch jedes zweite Wochenende nehmen kann und auch nimmt.
Leider sieht das in der Praxis eher selten so aus. Zumindest über die Jahre gesehen.
LG Tina
Also ich ziehe ja prinzipiell den Hut vor AlleinerzieherInnen. Ich kann es gut nachvollziehen, dass Du Dich auf die Ruhe freust. Finde das auch gar nicht egoistisch. Und dass Du die kids dann schon ungeduldig erwartest, kann ich auch gut verstehen. Geht mir nach 3h Babysitter schon so.
Und ich finde es toll, dass Du wieder ganz aktiv schreibst!
Liebe Grüße aus Wien, nadine
Seit einer Stunde sind sie wieder da… uwei quirlige Wirbelwinde, die gerade ganz schwer zur Ruhe kommen. Dafür merke ich, dass ich nach dem Wochenende doch ein ganzes Stück gelassener bin. Hab Kraft getankt – sehr schön.
Und schreiben, ja das hätte ich viel früher wieder anfangen sollen. Aber nu bin ich ja wieder voll dabei
LG von Schreiberling zu Schreiberling
War immer schön in Österreich als Schreiberling… weißt du noch?
Ich finde es ganz und gar nicht egoistisch, auch immer mal wieder Abstand zu den nahestehendsten Menschen zu wünschen und auch zu brauchen. Sonst verirrt man sich leicht in den Tunnelblick und verliert das Gesamtbild. Ich weiß, wovon ich schreibe – zwar nicht Kindern gegenüber, aber Menschen gegenüber grundsätzlich.
Über den alltäglichen Überlebenskampf der “kleinen Menschen” habe ich schon vor mehreren Jahren geschrieben. Und dazu stehe ich heute noch uneingeschränkt.
Eine Bitte möchte ich gerne noch in diesen Kommentar mit rein nehmen, Tina: Könntest Du die Kommentare um die Funktion Über Folgekommentare per Email informieren ergänzen? Das fände ich toll.
Hallo Gerhard,
ich hoffe, ich habe es nun richtig eingestellt. Danke für den Hinweis. Probiere doch bitte gleich mal, ob es funktioniert.
Dankeschön
Tina
Hallo Tina,
ich danke Dir für die schnelle Antwort und werde es gleich mal testen. Wenn ich nichts mehr von mir hören lasse, klappt es.
Lieben Gruß
von Gerhard