So ein Brasilianer im Anzug ist schon ein schöner Anblick. Hat was aristokratisches irgendwie. Dazu noch die Glutaugen und die lässige Art der Südländer – wenn so ein Kerl auch noch Klavier spielen kann, degradiert das die meisten gestandenen Männer irgendwie zu … Jungs. Aber eigentlich geht man ja wegen der Musik in so ein klassisches Konzert, oder?
An diesem Sonntagnachmittag waren beim “Podium junger Künstler” wieder Studenten zu Gast in unserer Galerie art Kapella. Genauer gesagt: Studierende der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn-Bartholdy Leipzig“, Fachrichtung Klavier und Flöte, erstes bis fünftes Studienjahr.
Was sich so richtig schön nach einem staubtrockenen Blockflöten-Provinz-Musik-Nachmittag anhört, klang eher nach Großstadt und Konzertsaal. Keine Spur von Blockflöten-Gefiepe, stattdessen eine Querflöten-Spielerin aus Südkorea, die auch schon im Rundfunk-Orchester von Seoul mitgewirkt hat. Dazu fünf Pianisten: drei aus Südkorea, besagter Brasilianer und immerhin ein Deutscher. Letzterer war zwar noch nicht so weit in der Welt herumgekommen, wie seine fremdländischen Kommilitonen, aber er spielte nicht schlechter als die anderen.
Womit ich dann wieder bei dem Brasilianer wäre. Bei dem Brasilianer, der Bachs „Französische Suite Nr. 4 Es-Dur“ eben mit brasilianischem Temperament spielt. Im Anzug. Mit hin und wieder konzentriert geschlossenen Glutaugen. Und der Selbstverständlichkeit, dass er das schon alles richtig macht. Kann sich jemand vorstellen, wie dann erst Robert Schumanns „Aufschwung op.12 Nr. 2“ klang? Ein Stück, das nicht umsonst „Aufschwung“ heißt.
Ich bin im Übrigen sowieso immer wieder erstaunt, wie unsere großen deutschen Komponisten klingen, wenn deren Werke von so vollkommen undeutschen Mentalitäten wiedergegeben werden. Immerhin bedeutet musizieren und singen ja mehr als das reine wiedergeben der Noten. Da irritiert es doch ein wenig, wenn eine junge asiatische Frau die Arie eines Waschweibes aus einer deutschen Oper wiedergibt. Und das so glaubwürdig, dass man ihr das Gezetere auch wirklich abnimmt und den Kopf einziehen möchte.
Aber gut, gestern wurde ja „nur“ Klavier gespielt und geflötet. Bei einem Klavierkonzert darf da natürlich Chopin nicht fehlen. Dessen Kompositionen sind Herausforderungen für Musiker wie Zuhörer. Der Musiker braucht flinke Finger und der Zuhörer „robuste“ Ohren, wenn doch mal ein Griff daneben geht. Umso schöner, wenn das Klavierspiel so gut ist, dass man seine Gedanken gefahrlos von der Musik davontragen lassen kann.
Die Studierenden haben sich mit ihrem Auftritt in unserer Galerie übrigens auf ihre Prüfungen vorbereitet. Wer schon mal vor Publikum (bei uns an diesem Sonntag immerhin 45 Zuhörer) stand, um etwas möglichst fehlerfrei vorzutragen, kann sich auch vorstellen, dass so ein Auftritt eine echte Generalprobe ist. Schöner Nebeneffekt für die Besucher des Konzerts: sie bekommen zu hören, was von den Studenten wenig später von der Prüfungskommission abverlangt wird. Also hochwertige und stellenweise sehr schwierige Stücke, die üblicher Weise aus vier Jahrhunderten stammen.
Also auch aus dem 20. und 21. Jahrhundert – nichts Angestaubtes von Komponisten, die körperlich schon zu Staub zerfallen sind, sondern zum Teil sogar von solchen, die noch leben. Von Lowell Liebermann („Gargoyles“) zum Beispiel. Das klingt nach alternativer Filmmusik oder mindestens schräg. So schräg wie die Solo-Flöten-Sequenza von Luciano Berio. Da hat man beim Hören einen Thriller im Kopf, der in einer kargen verschneiten Landschaft spielt. Einen, bei dem jeder jeden verdächtigt, aber sich niemand etwas anmerken lassen will.
Und ich liebe es, wenn die Musik bei so einem Konzert nicht nur Rüschenkleider und barocke Schlösser in meinen Kopf zaubert. Dann darf es gern zwei Stunden dauern. Erst recht, wenn der Flügel frisch gestimmt ist und unsere ehemalige Friedhofskapelle nach Kuppelsaal klingt. Wenn der Blick aus den riesigen Fenstern ins Grüne schweifen kann oder einfach an einem Bild der aktuellen Ausstellung hängen bleibt. Und nicht zuletzt, wenn der gut aussehenden Brasilianer im Anzug sein ganzes Temperament in die Musik legt und dabei hin und wieder genüsslich seine Glutaugen schließt.












